Skandal in Marseille: Nayef Aguerd verlässt Verein, fliegt nach Marokko
Marseille-Verteidiger Nayef Aguerd hat seine Vereinssaison vorzeitig beendet. Der Spieler flog nach Marokko, um eine Leistenverletzung zu behandeln und sich rechtzeitig für die Heim-WM 2026 zu erholen. Fans kritisieren ihn, weil er in der Vereinskrise die Nationalmannschaft priorisiert.
Hauptgeschehen
Der Skandal bei Olympique Marseille eskaliert. Verteidiger Nayef Aguerd hat seine Vereinssaison vorzeitig beendet und das Team verlassen, um nach Marokko zu reisen und dort die Rehabilitation nach einer Operation an einer Leistenhernie fortzusetzen. Formal gab der Verein am 7. Mai eine Erklärung ab, die die Abreise des Spielers „im Rahmen der laufenden medizinischen Betreuung“ genehmigte. Fans und Medien sehen diesen Schritt jedoch als offensichtliche Priorisierung der Nationalmannschaft gegenüber den Vereinsinteressen inmitten der schweren Krise des Teams.
Aguerds Entscheidung löste in Frankreich Empörung aus. Olympique-Fans, die den rasanten Abstieg des Vereins in der Ligue-1-Tabelle verfolgen, beschuldigen den Marokkaner des Verrats an den Teaminteressen zugunsten der Teilnahme an der Heim-WM 2026.
Details und Statistiken
Die medizinische Seite der Angelegenheit ist unklar. Aguerd litt an Pubalgie – einer schmerzhaften Entzündung im Leistenbereich, die einen chirurgischen Eingriff erforderte. Die Operation wurde Anfang März 2026 durchgeführt. Wie Cheftrainer Habib Beye berichtete, gab es jedoch Komplikationen im Heilungsprozess: „Die Hernie wurde operiert, aber die Knochenkonsolidierung ist noch nicht abgeschlossen, und vor kurzem trat eine leichte Entzündung auf.“
Trotz dieser Probleme entschied sich Aguerd, die Rehabilitation nicht in Marseille, sondern im Stützpunkt der marokkanischen Nationalmannschaft – dem Mohammed-VI.-Sportkomplex in Salé – fortzusetzen. Die offizielle Position des Vereins enthält einen Vorbehalt bezüglich einer „engen Abstimmung“ mit marokkanischen Ärzten, aber in der Praxis bedeutet dies, dass einer der teuersten Spieler der Vereinsgeschichte (die Ablösesumme betrug 23 Millionen Euro) das Team einen Monat vor Saisonende verließ.
Die Situation wird dadurch verschärft, dass Aguerd nicht der einzige Spieler ist, der seine Saison bei Marseille vorzeitig beendet. Ein zweiter Schlüsselspieler, der ivorische Mittelfeldspieler Amed Traoré, fiel ebenfalls für den Rest der Meisterschaft aus und reiste nach Finnland, um sich von einem Spezialisten für Adduktorenmuskelpathologien operieren zu lassen. Traoré hat bereits die Hoffnung aufgegeben, bei der WM 2026 für die ivorische Nationalmannschaft zu spielen, was den Unterschied in der Einstellung zu den Vereinsverpflichtungen nur unterstreicht.
Kontext und Bedeutung
Olympique Marseille durchlebt eine der schwierigsten Phasen seiner jüngeren Geschichte. Das Team hat drei Spiele in Folge verloren – darunter eine demütigende 0:3-Niederlage gegen Nantes in der 32. Runde – und hat praktisch die Chance auf einen direkten Champions-League-Platz verspielt. Mit 53 Punkten nach 32 Spieltagen ist Marseille auf den sechsten Platz abgerutscht, überholt von Lyon (57 Punkte), Lille (57 Punkte) und Rennes (56 Punkte).
Die Situation im Verein erreichte nach dem Rücktritt von Roberto De Zerbi im Februar den Siedepunkt. Unter dem neuen Trainer Habib Beye haben sich die Ergebnisse rapide verschlechtert. Der Sportjournalist Daniel Riolo ließ sich zu einer wütenden Tirade hinreißen: „Die Vereinsführung, der Sportdirektor, die Spieler – sie könnten alle morgen früh zurücktreten.“ Sein Kollege Dave Appadoo bezeichnete das letzte Auswärtsspiel des Teams als „Schiffbruch“ und deutete an, dass der Trainerstab die Kabine völlig unter Kontrolle verloren habe.
Besondere Kritik richtet sich gegen den Sportdirektor des Vereins, Medhi Benatia, der als einer der Hauptverantwortlichen für das aktuelle Transferdesaster gilt. Es war Benatia, der auf der Verpflichtung von Aguerd von West Ham für 23 Millionen Euro bestand, und nun wirft dieser Transfer bei Fans und Experten immer mehr Fragen auf.
Für Aguerd ist der Fokus auf die WM verständlich. Marokko spielt in einer Gruppe mit Brasilien, Haiti und Schottland. Das Team bestreitet Spiele am 14. Juni (gegen Brasilien), 20. Juni (gegen Schottland) und 25. Juni (gegen Haiti). Dies wird ein historisches Turnier für die Marokkaner, die nach ihrem sensationellen Einzug ins Halbfinale der WM 2022 erneut auf ein hohes Ergebnis abzielen. Aguerd ist eine Schlüsselfigur in der Defensivaufstellung der Nationalmannschaft, und seine Teilnahme ist von entscheidender Bedeutung.
Ausblick / Vorschau
Marseille hat noch zwei Ligue-1-Spiele im Kalender: ein Auswärtsspiel gegen Le Havre und ein Heimspiel gegen Rennes. Nach der Klatsche gegen Nantes muss sich das Team dringend in den Augen der Fans rehabilitieren. Personelle Verluste machen diese Aufgabe jedoch nahezu unmöglich – ohne Aguerd in der Innenverteidigung und ohne Traoré im Mittelfeld wirkt Marseille äußerst verletzlich.
Die WM beginnt am 11. Juni 2026 in den USA, Kanada und Mexiko. Aguerd hat etwa einen Monat Zeit, um seine Genesung abzuschließen und sich für Marokkos erstes Spiel gegen Brasilien fit zu machen. Der medizinische Stab der Nationalmannschaft tut alles, um den Rehabilitationsprozess zu beschleunigen – das Knochengewebe muss sich vollständig erholen, bevor das Mannschaftstraining beginnt.
Für Marseille wird dieser Skandal langfristige Folgen haben. Im Sommer steht dem Verein ein großer Kaderumbau bevor, und die Beziehungen zum marokkanischen Verteidiger, dessen Vertrag bis 2030 läuft, werden wahrscheinlich eines der Hauptthemen der Sommerpause sein. Angesichts der investierten Ablösesumme wird es schwierig sein, den Spieler nach einer desaströsen Saison mit einem solchen Abschlag zu verkaufen – und Olympique-Fans sind kaum bereit, einen Spieler zu behalten, der die Nationalmannschaft über den Verein gestellt hat.
— Editorial Team