Marseille in der Krise: Abgang der Führungsspitze löst Kader-Meltdown aus
Marseille verliert nicht nur Spiele – sie verlieren ihre Identität. Der gesamte Führungskern des Vereins hat entweder gekündigt oder humpelt zur Tür hinaus, und nun zahlen die Spieler den Preis. Nach der 2:0-Niederlage gegen Lorient nannte Sportdirektor Medhi Benatia die Leistung „ein Skandal“, und deutete an, dass selbst er den Glauben an den Kader verloren hat, den er mit aufgebaut hat.
Was ist bei Marseille schiefgelaufen?
Es begann damit, dass Roberto De Zerbi nach einer demütigenden Niederlage im Le Classique ging. Dann trat Präsident Pablo Longoria zurück. Benatia wollte nachziehen, wurde aber zum Bleiben überredet – zumindest bis zum Sommer. Nun steht Interim-Trainer Habib Beye nach gerade mal zwei Monaten in der Kritik, und neuer Präsident Stéphane Richard betritt ein Chaos. Kein Wunder, dass das Team auf dem Platz führerlos wirkt.
Drei Niederlagen in vier Spielen haben sie vom vierten auf den sechsten Platz geworfen. Die letzte Pleite kam gegen Lorient – ein Team, das schon im Urlaubsmodus läuft. Genau das hat den Zusammenbruch hinter den Kulissen ausgelöst.
Notmaßnahmen, die nach hinten losgehen könnten
Die Antwort? Den freien Sonntag gestrichen. Doppeltrainings dienstags und mittwochs. Übernachtungen auf dem Trainingsgelände von Donnerstag bis Sonntag. Alles baut auf das Derby gegen Nice hin. Die Verantwortlichen meinen: Bekommt man die Intensität am Spieltag nicht hin, dann zwingt man sie eben unter der Woche raus.
Beye gab nach dem Spiel zu: „Ich habe ein Team gesehen, das gewinnen wollte… Das habe ich von meinem Team heute nicht gesehen.“ Auf Deutsch: Sie versuchen, Kampfgeist zu fabrizieren, weil die natürliche Motivation versiegt ist. Doch nach Berichten von La Provence unterstützen viele Spieler Beye längst nicht mehr. Und L’Équipe meldet, der Kader sei mental und körperlich ausgezehrt.
Was passiert, wenn man erschöpfte, demotivierte Spieler mit Trainern, die die Kontrolle verloren haben, in ein Trainingslager pfercht? Die Geschichte lehrt: nichts Gutes.
Spielplan bietet Hoffnung – wenn sie sich nicht vorher selbst zerlegen
Hier der Silberstreif am Horizont: Marseilles nächsten drei Gegner ringen alle um den Klassenerhalt oder das Mittelfeld – Nice, Le Havre, Nantes. Dann Rennes am letzten Spieltag, was weniger wiegt, falls sie schon zurück in die europäischen Plätze geklettert sind. Theoretisch ein Geschenk. In der Praxis? Ein Druckkochtopf.
Implodieren sie gegen Nice, fällt die ganze Saison in sich zusammen. Holen sie sich knallharte Ergebnisse raus, könnten sie sich wieder in die Champions-League-Qualifikation mogeln. Doch aktuell ist der Glaube am Boden, die Führung abwesend und die Moral im freien Fall.
Warum das so vertraut wirkt
Das ist keine Pechsträhne – das ist ein Muster. Marseille zerlegt seit Jahren Projekte beim kleinsten Problem. Trainer kommen und gehen. Präsidenten werfen hin. Spieler rotieren wie in einer Drehtür. Keine Kontinuität, keine Kultur, keine langfristige Vision. Nur Panikreaktionen und kurzfristige Pflaster.
Das modernisierte Wappen, das diesen Monat präsentiert wurde? Fühlt sich an wie Lippenstift auf ein sinkendes Schiff. Man kann das Logo aufhübschen, aber brennt im Maschinenraum alles, schert sich keiner um die Bordwand.
Wichtige Erkenntnisse
- Führungsvakuum: De Zerbi, Longoria und fast Benatia – alle weg oder am Gehen. Keine Stabilität an der Spitze.
- Kader-Zusammenbruch: Drei Niederlagen in vier, darunter gegen Tabellenhänger Lorient. Spieler als „gezeichnet“ von Erschöpfung geschildert.
- Notfall-Sperre: Trainingslager mit Übernachtungen und Doppelsessions vor Nice – verzweifelter Schachzug, hohes Risiko.
- Umkleide-Spaltung: Spieler stehen nicht mehr hinter Beye. Das Management verliert die Zügel.
- Rettbare Saison: Nächste drei gegen Abstiegskämpfer. Gewinnt man die, ist Champions-League-Qualifikation noch machbar.
Die große Frage ist nicht, ob Marseille Nice oder Nantes packt. Sondern ob diese Spielergruppe noch an irgendwas glaubt – aneinander, den Trainer, das Projekt. Aktuell: ein klares Nein.
— Editorial Team