# Können De Zerbis hochriskante Taktik Tottenham vor dem Abstieg bewahren?
Roberto de Zerbi ist der neueste Trainer, der den heißen Stuhl bei Tottenham übernimmt – mit nur noch sieben Spielen und dem Klassenerhalt auf dem Spiel steht seine kühne, ballbesitzbetonte Philosophie vor ihrer härtesten Prüfung bisher.
De Zerbi ist kein typischer Abstiegshelfer. Während die meisten Vereine in Bedrängnis zu vorsichtigen, pragmatischen Trainern greifen, haben die Spurs alles auf eine Karte gesetzt mit einem Visionär, der technische Präzision, gnadenloses Pressing und furchtloses Ballvorwärtsspielen von hinten verlangt. Es ist ein Wagnis, das ihre Saison entweder entfachen oder ihren Sturz beschleunigen könnte.
Ein System auf Risiko und Belohnung
Bei Brighton und Marseille spielten De Zerbis Teams mit beeindruckender Konsistenz: Gegner anlocken, zentrale Zonen mit kurzen Passdreiecken überladen und dann explodieren, sobald Raum entsteht. Seine Innenverteidiger räumen nicht einfach – sie ködern Stürmer zum Pressing, indem sie den Ball unter ihren Stollen hindurchrollen, und erzeugen Chaos, das Mittelfeldspieler mit Ein- oder Zweitouch-Abgebern ausnutzen.
Dieser Ansatz lebt von intelligenten Spielern, die unter Druck ruhig bleiben. Die Belohnung? Schnelle Übergänge von der Defensive zu hochwertigen Torchancen. Der Nachteil? Wenn das Pressing durchbricht oder ein Pass in gefährlichen Zonen danebengeht, kontert der Gegner blitzschnell. Brighton unter De Zerbi hatte in der Premier League die zweithäufigsten hohen Ballverluste, die direkt zu Schüssen führten.
Der aktuelle Tottenham-Kader ist nicht gerade vollgepackt mit den Technikern, auf die De Zerbi normalerweise setzt. Aber es gibt Lichtblicke – Lucas Bergvall, Xavi Simons und Archie Gray verfügen über die Ballkontrolle und Raumwahrnehmung, die in engen Zonen zum Tragen kommen.
Auf Postecoglous Fundament aufbauen
Ein entscheidender Vorteil für De Zerbi: Er fängt nicht bei null an. Ange Postecoglous Amtszeit hat Tottenham aggressives, frontales Fußball eingeprägt – kurze Aufbauten, umgewandelte Außenverteidiger und Torhüter als tiefe Spielmacher. Diese Gewohnheiten passen perfekt zu De Zerbis Prinzipien, besonders darin, wie Ballbesitz genutzt wird, um Druck zu provozieren statt ihn zu vermeiden.
Sogar Igor Tudors kurze Interimszeit brachte Manndeckung und aggressive Auslöser bei Rückpässen – Konzepte, die De Zerbi ebenfalls phasenlos einsetzt. Während Thomas Franks breit aufgestelltes, risikoscheues System den Saisonstart dominierte, haben die letzten Monate Tottenham schon zu einem vertikaleren, zentraleren Stil hingelenkt.
Diese Kontinuität ist entscheidend. Die Spieler müssen keine völlig neue Sprache lernen – sie müssen nur ihre Flüssigkeit verfeinern.
Der Abstiegs-Reality-Check
Einen Systemtrainer mitten im Abstiegskampf zu holen, ist per se riskant. Die Probleme von Manchester United mit Ruben Amorim zeigen, wie schwer es ist, komplexe Taktiken in einer Krise einem fragilen Kader aufzuzwingen. De Zerbis Methoden brauchen Wochen, sogar Monate, um sich einzuprägen – nicht sieben Spiele.
Doch Tottenham hat keine konventionellen Optionen mehr. Der Angriff stockt, das Selbstvertrauen ist am Boden, und passives Fußball hat nicht funktioniert. De Zerbis einstudierte Routinen könnten Entscheidungen sogar vereinfachen: Statt unter Druck zu improvisieren, folgen die Spieler geprobten Mustern, die die mentale Belastung in Stressmomenten reduzieren.
Wenn es klickt – auch nur teilweise – könnte es genug Tore freisetzen, um knappe Spiele zu drehen. Wenn nicht, könnte Tottenham früh und oft kassieren.
Was in den kommenden Wochen zu beobachten ist:
- Torhüter-Beteiligung: Wird Guglielmo Vicario tief fallen, um den Aufbau einzuleiten, wie Ederson oder Ramsdale in ähnlichen Systemen?
- Mittelfeld-Verbindung: Können Yves Bissouma und Pape Matar Sarr sich an schnelles Ein-Touch-Recycling zwischen den Linien anpassen?
- Pressing-Auslöser: Greift das Team aggressiv nach Rückpässen an, oder fällt es in passive Form?
- Außenverteidiger-Rollen: Werden sie wie unter Postecoglou nach innen ziehen, oder breit bleiben wie unter Frank?
Wichtige Erkenntnisse
- De Zerbis Philosophie dreht sich um kontrolliertes Risiko: Druck einladen, um Übervorteilungen im Übergang zu schaffen.
- Tottenham kennt seine Kernideen schon teilweise dank Postecoglou und Tudor.
- Technische Mittelfeldspieler und mutige Verteidiger sind essenziell – glücklicherweise hat Tottenham ein paar Kandidaten.
- Das größte Hindernis sind nicht die Taktik – es ist die Zeit. Sieben Spiele reichen vielleicht nicht, um das System zu meistern.
- Bei guter Umsetzung könnte dieser Ansatz genau die Tore erzeugen, die Tottenham zum Überleben braucht.
De Zerbi selbst gibt zu, dass sein Stil nicht für jeden Verein – oder jeden Moment – passt. Aber mit Tottenham, das der Championship ins Auge blickt, hat Sicheres-Spielen nicht geklappt. Manchmal führt der einzige Weg hinaus durchs Feuer.
— Editorial Team